FORSCHUNG

Ein notwendiger Wandel? Europabildung als kulturelles und soziales Kapital in der Lehrer*innenbildung

Dr. Thomas Benz, Dr. Viktoria Franz

 

Im geografisch definierten Großraum (s. Dörrenbacher 2014; Gipfel der Großregion, 1995) Luxemburg, Rheinland-Pfalz, Saarland, Lorraine und Wallonien treffen 4 unterschiedliche, national verwurzelte Systeme der Lehrendenausbildung aufeinander. Eine Forschung wie die hier Vorliegende hat den Anspruch relevant für den Großraum zu sein und muss fachlich trotzdem die verschiedenen strukturellen Hürden von Vergleichbarkeit zwischen den nationalen Systemen überwinden. Am Schluss werden wir die Fragen beantworten können, wo das Potential für strukturellen Wandel hin zu europäischer Bildung in der Lehrendenausbildung aller fünf Systeme liegt. Um dieses Ziel zu erreichen, untergliedert sich die Forschung in zwei Abschnitte. Im ersten Abschnitt wird eine ethnografische Interviewstudie mit Expert*innen der Weiterbildung für Lehrende im Großraum vorgestellt und ausgewertet. Im zweiten Teil verschiedene Elemente der Narrative im Hinblick auf ihr Potential für den strukturellen Wandel in der Lehrendenbildung genauer beleuchtet. An dieser Stelle werden wir auch die Vorstellung von Potential in diesem Kontext kritisch beleuchten und theoretisch unterlegen. Die ethnografischen Interviews wurden leitfadengestützt mit Expert*innen aus der Weiterbildung im Großraum durchgeführt. Der Leitfaden ist inspiriert von den Prinzipien des critical ethnographic journalism (Charity, 1995; Herrmann, 2016), dahingehend, dass er Themen vorgibt, jedoch die Expert*innen bestimmen, welche Schwerpunkte sie setzen möchten während des Gesprächsverlaufes. Der Interviewleitfaden beinhaltet eine kontextuelle Beschreibung des Vorhabens, jedoch keine fest definierte Forschungsfrage. Die Themenbereiche sind folgende:
1.    Ausbildung & Erfahrung des/der Expert*in
2.    (Gelungene) Europabildung
3.    Europabezogene Fortbildungen für Lehrpersonen
4.    Inhalt und Konzeption der Fortbildungen
5.    Schulentwicklung

Aufbauend auf der durchgeführten Interviewreihe dient der zweite Teil der Forschung der Diskussion und weiteren Ausarbeitung der Interviewinhalte. Ziel ist hier einer Antwort auf die anfängliche Frage zu finden, wo das Potential für strukturellen Wandel hin zu europäischer Bildung in der Lehrendenausbildung aller fünf Systeme liegt. Genauer werde ich hier folgender Forschungsfrage nachgehen: Welches kulturelle und soziale Kapital verbirgt sich in Weiterbildungen und non-formalisierten Trainings für Lehrende zu Europabildung im Großraum? 

 

Methodik:

Die ethnografischen Interviews wurden leitfadengestützt mit Expert*innen aus der Weiterbildung im Großraum durchgeführt. Der Leitfaden ist inspiriert von den Prinzipien des critical ethnographic journalism (Charity, 1995; Herrmann, 2016), dahingehend, dass er Themen vorgibt, jedoch die Expert*innen bestimmen, welche Schwerpunkte sie setzen möchten während des Gesprächsverlaufes.
Die im 2. Teil angewendete Methodik ist dem Kanon der grounded theory zuzuordnen, theoretisch inspiriert durch Pierre Bourdieu (2018, 1986, 1977) und Paul Ricoeur (1983, 1984; erweitert in: Coombs, 2010). Methodisch findet eine Rekonfiguration des Interviewmaterials statt. Während die Auswertung ein konstruktivistisches Unterfangen, (zB. Maines, 2000) darstellt, ist die Methodik weiterhin angelehnt an Vorstellungen der Unzertrennbarkeit von Text, Produktion und Wahrnehmung. Dabei wird die Auswertung der Inhalte der durchgeführten Interviews aus Teil 1 und das daraus entstandene Narrativ als Grundlage genommen. Ein Narrativ ist mehr als nur eine Beschreibung von Gesellschaft oder Kultur, da sie es dem Autor erlaubt die wahrgenommene Realität zu verändern und nach seinem Willen zu formen. Sie zielt nicht darauf ab, korrekte Informationen zu produzieren, sondern die Realität, aus der der Autor sich bezieht zu konfigurieren. Um Informationen über die Gesellschaft, in der das literarische Werk produziert wurde zu erhalten, muss Narrativ mit dem zugehörigen Entstehungshintergrund interpretiert werden, anstatt nur auf ihren Inhalt analysiert zu werden (siehe u.a. Erll 2005a: 91). Die beschriebene Methodik erlaubt es mir die Auswertung im theoretischen Konstrukt von kulturellem Kapital zu verankern. Das Ergebnis ist eine Auswertung von in Weiterbildungen und nicht formalisierten Trainings vorhandenem Potenzial als Kapital, welches eine Bereicherung hin zu strukturellem Wandel der formalisierten Lehrausbildungen bieten kann.    

 

LITERATUR

1 Europäischer Wirtschaft- und Sozialausschuss (EWSA) (2018). Stellungnahme zur Europabildung, SOC/612.

2 Busch, M., Lis, T. & Teichmüller, N. (Hrsg.) (2017). Bildung grenzenlos vernetzen. Transnationale Bildungs- und Partizipationslandschaften in europäischen Grenzregionen. Trebnitz.

3 Förster, H. (2013). Grenzregionen – Experimentierfelder für die Europäische Integration? In Europäisches Zentrum für Föderalismus-Forschung Tübingen (EZFF) (Hrsg.), Jahrbuch des Föderalismus 2013, 461-478.

4 Kultusministerkonferenz (2020). Europabildung an Schulen. Empfehlung der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland.

5 Oberle, M. (Hg.) (2015). Die Europäische Union erfolgreich vermitteln. Perspektiven der politischen EU-Bildung heute. Wiesbaden.
6 Oberle, M. (Hg.) (2015). Die Europäische Union erfolgreich vermitteln. Perspektiven der politischen EU-Bildung heute. Wiesbaden.